Der letzte englische Gentleman

I have at last made a start on the book review section. This is an attempt to bring together as many online book reviews as I can find. Most are pretty formulaic, repetitive and dull, but in the quest to build as complete an on-line archive as possible it has to be done. 

This is my most recent addition, to add also to the content of the site which is in German. There is nothing startlingly new here I am afraid, but it is an opportunity to practice your German (if you have any!).

Copy and paste into Google Translate if you need to.

by Sven Boedecker

First published in the Sonntags Zeitung, 4 July 2010

Abenteurer, Kriegsheld und Künstler: Mit Patrick Leigh Fermor können wir ein Griechenland entdecken, das inzwischen verschwunden ist

Als Hitler kam, ist er gegangen. Wie ein mittelalterlicher Pilger ist er 1933 von London nach Konstantinopel gewandert, hat in Scheunen und Schlössern übernachtet. Da war er gerade mal achtzehn Jahre alt. Über diese Reise hat er Jahrzehnte später zwei Bücher voller Esprit, Wissen und Lebenslust geschrieben – «Die Zeit der Gaben» (1977) und «Zwischen Wäldern und Wasser» (1986) haben Patrick Leigh Fermor zur Schriftsteller-Legende gemacht.

Aber der Engländer kann mehr als nur gut schreiben, er vollbrachte auch Heldentaten, für die er bis heute in seiner Heimat wie in Griechenland verehrt wird. Denn als Soldat sprang er im Zweiten Weltkrieg über dem Nazi-besetzten Kreta mit dem Fallschirm ab, lebte dort verkleidet als Berghirte und organisierte den kretischen Widerstand. Und dann entführte er 1944 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einen General der deutschen Wehrmacht und schmuggelte ihn nach Libyen. Dieser Coup machte Leigh Fermor später sogar zum Leinwandhelden, gespielt von Dirk Bogarde.

Die BBC hat «Paddy», wie er von den meisten genannt wird, 2004 als eine Mischung «aus Indiana Jones, James Bond und Graham Greene» bezeichnet. Das war im gleichen Jahr, als die Queen ihn adelte. Ein treffender Vergleich für diesen Abenteurer, Wortkünstler und Hochgebildeten. Wenn man den heute 95-Jährigen jedoch auf einen einzigen Begriff bringen müsste, dann diesen: Er ist der letzte englische Gentleman.

Während der Ruhm eines Reiseschriftstellers wie Bruce Chatwin (Paddy setzte die Asche seines Freundes 1989 auf dem Peloponnes bei) langsam verblasst, reisst das Interesse an Leigh Fermor nicht ab. In England erschienen 2009 Briefe von ihm, in denen man unter anderem von seinen Hollywood-Erfahrungen mit Er- rol Flynn, John Huston, Orson Welles und Juliette Greco liest. Auch auf Deutsch sind jetzt wieder zwei Bücher erschienen.

Im Paradies machen ihn die Delfine glücklich

Der Zürcher Dörlemann-Verlag legt – nach fünf bereits erschienenen Bänden – ein weiteres seiner Reisebücher vor: «Mani: Reisen auf dem südlichen Peloponnes». Und der Journalist Michael Obert – er schreibt auch für den Reiseteil der SonntagsZeitung – hat sich in «Chatwins Guru und ich» auf die Suche nach Paddy gemacht und ist den Spuren seiner berühmten Wanderung gefolgt.

«Mani» ist eigentlich steinalt. 1952 nämlich reist Leigh Fermor zu Fuss und auf Eseln durch die Mani, eine karge und abgeschiedene Gegend auf dem südlichen Peloponnes. Er kommt als Kenner: spricht Griechisch, kennt sich in Kunst, Geschichte und Mythologie aus, sodass sich ihm gegenüber die ansonsten scheuen und widerspenstigen Bewohner öffnen. Es ist die Zeit vor dem Massentourismus, manche Manioten bestaunen den Engländer als ersten Fremden, den sie in ihrem Leben sehen.

Der Reiz der Lektüre besteht darin, dieses inzwischen untergegangene Mani mit unserer Gegenwart zu vergleichen. Damals gibt es kaum Strassen und Herbergen, keine Touristenströme, Müllberge und keine Wirtschaftskrise. Stattdessen findet Leigh Fermor hier das Paradies: Ob er über das reiche byzantinische Erbe schreibt, historische Spekulationen anstellt (war Napoleon ein Maniot?), ob er das Glück besingt, das die Gegenwart von Delfinen bei ihm auslöst oder wunderbare kleine Anekdoten erzählt. Kein Wunder, dass der Autor an diesem schönen Flecken hängen geblieben ist.

In den 1960er-Jahren hat er sich in der Mani niedergelassen und bei Kardamili ein Haus gebaut. Der honigfarbene Stein dafür wurde aus dem Taygetos-Gebirge herausgeschlagen. Auf dem Grundstück stehen Orangen- und Olivenbäume, man hat die Berge im Rücken und die Bucht von Messinien vor sich.

Noch mit 95 Jahren sitzt er jeden Tag am Schreibtisch

An diesem Ort findet Michael Obert schliesslich «den ältesten schreibenden Vagabunden auf unserem Planeten». Leigh Fermor ist «frisch rasiert, sein gewelltes weisses Haar akkurat zur Seite gekämmt». Zum Hemd trägt er Krawatte mit doppeltem Windsorknoten. Paddy hat einen Herzschrittmacher und ein Hörgerät. Er stützt sich auf einen Stock, die Knochen knacken hörbar.

Seine legendäre Reise aus den Dreissigerjahren beschäftigt ihn immer noch. Denn der zweite Band endete vor 24 Jahren mit dem Hinweis: «Letzter Teil folgt». An diesem Schlussteil arbeitet er weiterhin jeden Tag. Er ist ein langsamer Schreiber, der immer wieder korrigiert und verbessert. Weil ihm das Arbeiten mit der Hand zunehmend schwerfällt, hat er dafür vor kurzem Schreibmaschineschreiben gelernt.

Auch das hat etwas Heldenhaftes. Insofern ist sich Patrick Leigh Fermor bis heute treu geblieben.

Patrick Leigh Fermor: «Mani». Dörlemann, 480 Seiten, 39.90 Fr.
Michael Obert: «Chatwins Guru und ich: Meine Suche nach Patrick Leigh Fermor». Malik, 286 Seiten, 34.90 Fr.

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5 thoughts on “Der letzte englische Gentleman

  1. John Stathatos

    I take your point about an archive needing to be as comprehensive as possible. Nevertheless, you might perhaps consider flagging the occasional outstanding review for the benefit of casual readers, as opposed to dedicated bibliographers.

    Reply
    1. proverbs6to10 Post author

      John – I will continue to do so. I think most of those have already been put up on the site. I have now to trawl through to find them for the review page! I should have thought ahead. But you have given me an idea – I will try to ‘star’ those I think have some merit.

      Reply
  2. Tore Braend, Norway

    A time of gifts was translated into Norwegian and published in 2004 under the title
    “Tid for gaver”. The Norwegian journalist and literature critic Stian Bromark published this article about the book in the Norwegian newspaper Dagbladet at the time of publishing.
    Here is the link for those of you who read Norwegian! (Hmmm… I did not see many raised hands….)
    http://sbromark.blogspot.com/2007/04/reise-til-livets-ende.html

    Reply

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